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Interview mit einem Macher: Die Novis-Story (Teil 1)

Mit einem radikal neuen Ansatz schafft Novis Mehrwert aus Abgasen

Der Geschäftsführer der Firma Novis steht vor einem großen Gerät, das aus Abgas CO2 Wertstoffe herstellt
Dr. Thomas Helle und sein Team entwickeln Anlagen zur CO₂-Abscheidung (Novis GmbH)

Vom portugiesischen Rotwein zur Dekarbonisierung von Geschäftsprozessen 

Viele Unternehmen würden ihre Geschäftsprozesse gerne vollständig dekarbonisieren, was (noch) eine kostenintensive Angelegenheit ist. Wir sagen ‚noch‘, denn die Novis GmbH aus Tübingen könnte diesen Engpass mit ihrem weltweit patentierten Verfahren auflösen. 

Warum das Verfahren vergleichsweise kostengünstig ist, wo es am sinnvollsten eingesetzt werden kann und was das alles mit Rotwein aus Portugal zu tun hat, erklärt Novis Geschäftsführer Dr. Thomas Helle im Gespräch mit Paulina Leiman.

Herr Dr. Helle, erzählen Sie uns von Ihrer Erfindung.

Wir haben eine Anlage entwickelt, mit der CO2 aus Prozessabgasen durch ein Medium aus gelöster Trägerflüssigkeit geleitet wird. Das CO2 bindet sich vollständig an die Lösung und wird in einer zweiten Stufe durch Elektrodialyse wieder vom Medium getrennt. Im letzten Schritt wird das CO2 dann gekühlt und verflüssigt und steht als hochreines CO2 für weitere Prozesse zur Verfügung. Der Betrieb erfordert nur Strom, Wärme oder Druck sind nicht erforderlich. Mit Blick auf Betriebskosten ist das eine attraktive Lösung. 

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Verfahren?

Wir haben an einem europäischen Projekt teilgenommen, dem Circular Bio-based Europe Projekt REDWine* in Portugal. Der Claim war sozusagen: Trink Rotwein, um das Klima zu schützen. Wir haben eine Anlage aufgebaut, um das CO2 aus der Rotweinvergärung aufzunehmen, zu verflüssigen und dann für die Algenzucht zu nutzen.  

Wir wollten wissen, wieviel COAlgen denn aufnehmen, das konnten man uns ad hoc nicht beantworten und so haben wir selbst angefangen, Algen zu züchten. Dank einer Förderung vom Umwelt- und Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg konnten wir dann die Algenzucht professionalisieren. Gemeinsam mit Continental und der Universität Tübingen konnten wir auch ein Bundesprojekt starten. Darüber konnten wir nachweisen, dass es sich lohnt, Biopolymere und andere Bestandteile aus Algen professionell zu züchten. Parallel dazu haben wir eine erste Anlage entwickelt, um CO2 aus industriellen Abgasen aufzunehmen, zu reinigen und zu verflüssigen. Das passt alles gut zusammen, denn CO2 geht zu den Algen und die Algen stellen Stoffe her.

Die erste Anlage ist bereits gebaut und an Continental ausgeliefert, die damit das CO2 aus ihren Schornsteinen verflüssigen. Wir verfüttern dieses flüssige CO2 dann unseren Algen und haben so genügend Rohstoffe, die wir dann wieder in den Herstellungsprozess von Continental geben. Continental beschichtet Oberflächen und interessanterweise brauchen sie keinen sogenannten „Downstream-Prozess“ als Aufreinigungs-Prozess mehr. Die Algen-Biomasse kann mit den enthaltenen Bestandteilen direkt für die Beschichtung verwendet werden.

An welcher Stelle der Prozesskette kann ein energieintensives Unternehmens Ihre Entwicklung am sinnvollsten integrieren? 

Die Prozesskette setzt etwa am Schornstein eines Unternehmens an oder einer anderen CO2-Quelle. Da installieren wir dann die Anlage, die das CO2 aufnimmt, reinigt und verflüssigt. Wir können einen zweiten Prozessschritt dazunehmen, das ist die Aufstellung von sogenannten Bioreaktoren, die wir auch selber entwickelt haben und selber bauen. Ein paar davon laufen bereits. Das ist eine patentierte Entwicklung, die das Licht direkt in die Reaktoren einbringt, anstatt sie von außen zu beleuchten. Wir kaufen den Unternehmen dann entweder das CO2 ab und verwenden es als Nahrungsmittel für unsere Algen. Oder wir kaufen den Unternehmen Biomasse ab. 

Gibt es schon Kunden? 

Wir haben beispielsweise ein württembergisches Unternehmen, das will eine Anlage inklusive der Algenzucht aufstellen, weil sie Platz, ungenutzten Strom aus Photovoltaik und CO2 haben, das sie anders nicht loswerden, weil sie nicht auf Strom umstellen können. Hier kann unsere Anlage direkt aufgestellt werden und wir nehmen diesem Unternehmen dann die Algen-Biomasse ab, verarbeiten sie bei uns weiter und extrahieren dann Pigmente, Lipide und was sonst noch für uns interessant ist. Sie sehen: Es ist eine Win-win-Situation, da Unternehmen sich dekarbonisieren und von den CO2-Lasten befreien können, die sie sonst nicht loswerden.  

Teil 2 des Interviews geht weiter in die Praxistiefe und folgt in Kürze. 

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* REDWine: www.cbe.europa.eu/projects/redwine (Mai 2021 bis Dezember 2025): Vermehrung von Biomasse aus Mikroalgen durch Verwertung von gasförmigen und flüssigen Rückständen aus der Weinherstellung

Author: Antje Sacher
Source: Umwelttechnik BW | Bioökonomie