Carbon Management Exkursion nach Dänemark
Unternehmen aus Baden-Württemberg schnuppern Pionierluft
Wie schafft es ein kleines Land wie Dänemark, zum europäischen Vorreiter im Carbon Management zu werden – und was kann Baden-Württemberg davon lernen? Unsere Reisegruppe bekam Einblick aus nächster Nähe in ein Thema mit grenzübergreifender Relevanz.
Carbon Management ist kein rein baden-württembergisches Anliegen. Es berührt zentrale europäische Fragestellungen wie grenzüberschreitende Infrastruktur, gemeinsame Standards, Technologietransfer und internationale Projektpartnerschaften. Dementsprechend verfolgt die Geschäftsstelle Carbon Management bei Umwelttechnik BW das Ziel, den Austausch und den Blick über die Landesgrenzen hinaus zu fördern.
Anfang Oktober machte sich daher eine 14-köpfige Reisegruppe auf den Weg nach Dänemark. Dabei waren Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen und Verbänden, Forschungseinrichtungen, der Landesverwaltung sowie der Geschäftsstelle Carbon Management. Dänemark mag ein kleines Land in Quadratkilometern sein, der Pioniergeist ist aber enorm: Neben dem Carbon Management sind dänische Unternehmen der Energie- und Umweltbranche weltweit führend.
Besuch bei Everllance
Die ursprünglich geplante Besichtigung der Müllverbrennungsanlage Amager Bakke, an der bereits eine CO₂-Abscheideanlage in Betrieb ist, musste kurzfristig abgesagt werden. Grund dafür waren Drohnensichtungen und daraus resultierende Sicherheitsvorkehrungen im Bereich der kritischen Energieinfrastruktur.
Kurzentschlossen führte der Weg stattdessen ins Entwicklungszentrum von Everllance (früher: MAN Energy Solutions), wo die Gruppe von Friedrich Rossbach und Kristian Mogensen empfangen wurde. Bei Everllance werden Zweitakt-Schiffsmotoren für große Handelsschiffe wie Container- oder Tankerschiffe konzipiert, die mit alternativen Kraftstoffen wie Methanol, Methan oder Ammoniak betrieben werden können. Besonders interessant ist dies, wenn man sich klar macht, dass 80 bis 90 Prozent des weltweiten Güterverkehrs über den Seeweg erfolgen - traditionell mit Schweröl und Marinediesel.
Zusätzlich bietet das Unternehmen Nach- und Umrüstungen bestehender Flotten auf kohlenstoffarme Alternativen an. Das ist ein entscheidender Baustein für die Defossilisierung der maritimen Schifffahrt bis 2050. Aktuell werden Ammoniakmotoren im großen Maßstab getestet, erste Bestellungen werden ab 2026 erwartet.
„State of Green“: Einblick in Dänemarks nachhaltige Zukunftsstrategie
Mit der autonom fahrenden und beeindruckend pünktlichen U-Bahn ging es weiter ins Zentrum Kopenhagens zum „State of Green“, einem Staat im Staat und zentralen Treffpunkt für Akteure einer nachhaltigen, fossilfreien und ressourceneffizienten Gesellschaft.
Gastgeberin Emma Askov sowie Referenten aus dem dänischen Ministerium für Klima, Energie und Versorgung, von Ørsted (CO₂-Storage Kalundborg) und der Geologischen Forschungsanstalt für Dänemark und Grönland gaben Einblicke. Besonders prägend war die Erkenntnis, wie viel sich innerhalb weniger Jahre erreichen lässt, wenn politische Parteien Hand in Hand handeln und wie unverzichtbar wissenschaftlich fundierte Kommunikation für die gesellschaftliche Akzeptanz ist. Der Tag klang in der Bryggeriet Apollo am Tivoli aus.
Airco Process Technology: Die CO₂-Wertschöpfungskette im Blick
Am zweiten Tag ging es für die Reisegruppe mit dem Bus von Kopenhagen Richtung Westen. Erster Halt: Fredericia, bei Airco Process Technology. Niels Grave und sein Team präsentierten die Entwicklung des Unternehmens, von den Wurzeln in der Biogasaufbereitung bis zur heutigen Abdeckung der gesamten CO₂-Wertschöpfungskette. Dazu gehören Abscheidung, Reinigung, Verflüssigung, Speicherung, Transport und Nutzung. Das breite Portfolio sowie die technische Expertise beeindruckten die Teilnehmenden nachhaltig.
Hafen von Esbjerg: Drehkreuz der Energiewende
Ziel war Esbjerg, wo sich das graue Nieselwetter in strahlenden Sonnenschein verwandelte. Schon bei der Anfahrt wurde deutlich, wie sich der historische Fischereihafen auf beeindruckende Weise zu einem zentralen Umschlagsplatz für grüne Energie wandelt. Riesige Bauteile kommender Windkraftanlagen bestimmten das Bild.
Hier entsteht außerdem das künftige CO₂-Terminal des Projekts Greensand von INEOS Energy. Ab 2026 soll dort CO₂ in einem geologischen Reservoir 1.800 Meter unter dem Meeresboden – rund 200 Kilometer vor der Westküste – gespeichert werden. Es zählt zu den ersten kommerziellen Carbon Capture and Storage (CCS) Projekten innerhalb der EU. Die erste Offshore-Injektion fand bereits im März 2023 statt.
Ab Anfang 2026 werden rund 400.000 Tonnen CO₂-Speicherkapazität pro Jahr angeboten, ab 2030 sogar bis zu 8 Millionen Tonnen jährlich. Peter Hindsberger stellte der Gruppe die dafür erforderliche Logistik und Infrastruktur vor. Dazu gehören:
- sechs 1.000 m³ große Tanks zur Zwischenlagerung von flüssigem CO₂
- ein Kühlsystem
- Lkw-Entladestationen und Schiffsbeladesysteme
- der weltweit erste Offshore-CO₂-Tanker „Carbon Destroyer 1“ mit 5.500 Tonnen Gesamtkapazität
- ein Injektionssystem an der Nini-Plattform mit einem 300 Meter langen Unterwasserschlauch und einem 130 Meter langen Steigrohr
Fazit: Blick über die Grenzen erweitert den Klimaschutz-Horizont
In Esbjerg trennten sich die Wege der Reisegruppe, die zurück in den Süden aufbrach. Unser Dank gilt allen Gastgebern sowie der gesamten Gruppe für ihr Engagement und die inspirierenden Gespräche. Die Exkursion zeigte eindrucksvoll: Der Blick über die Landesgrenzen hinaus lohnt sich – besonders dann, wenn es um die Zukunft des Klimaschutzes in Europa geht.