Dekarbonisierung von Geschäftsprozessen: Die Novis-Story (Teil 3)
In unserer Reihe „Interview mit einem Macher“ spricht Paulina Leiman mit Dr. Thomas Helle, Geschäftsführer von Novis. Mit seinem Team arbeitet er an der lukrativen Dekarbonisierung von Geschäftsprozessen. In Teil 3 des Gesprächs geht es um Hürden und Herausforderungen für CCU.
Herr Dr. Helle, wieviel Rückenwind erfährt CCU?
Es gab zwei Veranstaltungen, einmal vom nova Institut und die andere war beim Innovation Hub CCUBIO von Umwelttechnik BW. Bei diesen Veranstaltungen hat sich gezeigt: CCU ist aktuell nicht im Zentrum des politischen Interesses. Die EU macht es deutlich: CCU ist gewollt, wenn Produkte entstehen, die mehr als 35 Jahre haltbar sind. Damit ist also nur die Überführung in Bausteine oder Baustoffe möglich. Oder es wird in SAF investiert – das ist gewünscht, weil die EU Klimaneutralität beim Fliegen verfolgt – allerdings gibt es keinen Treibstoff dafür.
INERATEC ist das einzige Unternehmen, das in Deutschland im Moment in größerem Maßstab an SAF arbeiten. Sie bauen gerade ihre Demonstrationsanlage für 400 Tonnen pro Jahr - nur sind 400 Tonnen auch nicht ausreichend. Damit kann man vielleicht vier, fünf Flüge versorgen. Dadurch, dass CCU nicht im Mittelpunkt steht, können wir für solche Anlagen auch nicht die CO2-Minderungsprämie (des ETS Systems) in Anspruch nehmen, womit dann ein möglicher Deckungsbeitrag fehlt. CO2 kostet im Moment eine „Strafabgabe“ von 60 - 75 € und wird ab 2027 der Marktpreisbildung überlassen.
Wenn man die ETS Prämie zur Finanzierung von CCU Vorhaben mit nutzen könnte, würden sich völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Es würde sich möglicherweise sogar lohnen, kleine Anlagen zu bauen, die an Mehrfamilienhäusern angedockt sind, wo einmal im Monat ein Laster das produzierte CO2 abholt und zur Verarbeitungsstelle bringt.
Die chemische Industrie sagt, sie benötigen CO2 als Grundstoff, wissen aber noch nicht, woher sie große Mengen kriegen können. Im Moment favorisieren alle eine Verflüssigung des CO2 etwa für Zement- oder Stahlwerke, damit es als CCS irgendwo unter der Nordsee verpresst wird. Allerdings wird das nur für wenige Unternehmen möglich sein. Denn Deutschland hat schätzungsweise vier oder fünf leere Felder, wo man CO2 verpressen kann in flüssiger Form. Das heißt, wir haben fünf Zementfabriken, die können dekarbonisiert werden, aber alle anderen sitzen nach wie vor auf ihren Emissionen, ohne Aussicht auf eine Lösung.
Eine Änderung der politischen oder regulatorischen Rahmenbedingungen zur stärkeren Förderung von CCU könnte viel beitragen – unbenommen davon, ob das Produkt nachher ein Jahr, fünf Jahre, 35 Jahre oder 100 Jahre genutzt werden kann. Wenn es möglich ist, Produkte aus CO2 herzustellen, vermeidet man in dem Moment die Verbrennung oder die Nutzung von Rohöl. Das wäre eine Win-Win-Situation für alle und würde erheblich dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck innerhalb der EU deutlich zu verringern.
Das einzige Hindernis ist also momentan die Vorgabe von 35 Jahren bei der Lebensdauer von Produkten?
Das ist in der Tat das Bottleneck. Wir könnten schon schneller und besser arbeiten. Leider sind Unternehmer viel damit beschäftigt, die bürokratischen Rechtsakte der EU abzuarbeiten und zu berücksichtigen. Im Schnitt sind es vier Rechtsakte pro Tag, die für Unternehmen wirksam und geprüft werden müssen. Betrifft mich das? Wie können wir das umsetzen?
Ich glaube gerne, dass die Spitze der EU etwas ändern möchte und auch Minister möchten vieles ändern in Deutschland. Allerdings haben wir es mit starker Bürokratie zu tun, und die verantwortlichen Akteure legen Einspruch ein, während andere Rechtssicherheit fordern. Wegen der vielen Hürden geraten wir dadurch leider vom Kurs ab, Wirtschaftswachstum zu fördern und parallel Positives für die Menschen und die Umwelt zu bewirken.
ÜBRIGENS...
Die Novis Gmbh ist als Unternehmensbesichtigung Teil des After-Work-Events „Re-think CO2 | So wird ein Geschäftsmodell draus“. Für die Veranstaltung am 21. Mai 2026 in Tübingen können Sie sich noch anmelden.